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Hannovers Uni-Präsident: Klare Worte zu BolognaProfessor Erich Barke fordert mehr Vertrauen seitens der Politik

Ausblick statt Rückschau: Beim Neujahrsempfang der Leibniz Universität Hannover hat der Präsident Prof. Erich Barke klare Worte zum Thema Bologna gefunden. „Universitäten sind viel mehr als ein Durchlauferhitzer für studierwillige Abiturienten, sie sind mehr als ein Ausbildungsbetrieb für unsere Wirtschaftsunternehmen, sie sind auch anders als Fachhochschulen“, sagte Professor Barke. In diesem Zusammenhang forderte der Präsident weniger Kontrolle und mehr Vertrauen seitens der Politik.

Zuvor hatte sich Professor Barke ausführlich mit der Problematik des Reformprozesses befasst. Ursprünglich sei das Ziel von Bologna gewesen, ein System leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse zu schaffen und das Hochschulausbildungssystem in zwei Studienzyklen zu gliedern. Außerdem sollte die Vergabe von Leistungspunkten dazu beitragen, Studienleistungen leichter anzuerkennen, um so die Mobilität der Studierenden zu hören. Damit solle die europäische Zusammenarbeit bei der Qualitätssicherung gefördert werden. Das System sei Standard in vielen Ländern der Erde und habe sich dort bewährt, sagte der Präsident.

Die Reform sei von politischer Seite aus angestoßen worden, um den Anteil von Fachhochschul- und Universitätsabsolventen zu steigern, ohne jedoch wesentlich mehr Geld für das Bildungssystem auszugeben. Die Folge sei die Einführung eines neuen Studienabschlusses, des Bachelors, gewesen, mit dem die Studierenden nach drei oder vier Jahren Hochschule bereits einen Abschluss vorweisen können.

Das verkürzte Studium gehe allerdings zu Lasten von Inhalten, so der Hochschulleiter. Insbesondere bei den Ingenieurinnen und Ingenieuren dürfe niemand erwarten, dass ein Bachelor nach sechs Semestern dieselben Grundlagen und Anwendungskenntnisse habe wie ein Diplomingenieur nach zehn Semestern, sagte Professor Barke. Der Abschluss tauge bislang eher als Zwischenstation auf dem Weg zum Master und sei nicht wirklich berufsqualifizierend angelegt.

Bei Fächern wie Philosophie oder Soziologie sei insbesondere die Forderung nach einer Berufsbefähigung nur schwer umsetzbar, erklärte der Präsident. Ein Mehr an Prüfungen und damit verbunden ein Mehr an Stress belasten viele angehende Akademikerinnen und Akademiker. Hinzu kommt der verdichtete Lehrplan, der den akademischen Freiraum und die akademische Freiheit beseitige. Die damit verbundene Verschulung sei insbesondere in den Geisteswissenschaften zumindest fragwürdig. Auch die Abbrecherquoten hätten sich in den vergangenen Jahren nicht verringert. Ein größerer Rückgang der Abbrecherquoten ließe sich möglicherweise nur über Eingangstests oder eine Niveauabsenkung erreichen.

Kritik äußerte Professor Barke auch an der vorgeschriebenen Studienhöchstdauer von fünf Jahren. Diese sei international völlig unüblich. Doch nicht nur die Studierenden litten unter den Folgen der Reform. Auch das Hochschulpersonal habe mit einer massiven Mehrbelastung zu kämpfen. Abschließend forderte der Präsident eine klare Definition von Sinn, Dauer und Inhalten der Bachelorstudiengänge sowie eine Flexibilisierung des Bachelor/Master-Gesamtkonzeptes. Niedersachsens Wissenschaftsminister Lutz Stratmann habe kürzlich gesagt, die Politik müsse „die Zügel wieder stärker in die Hand nehmen“. Dazu Professor Erich Barke: „Das Gegenteil ist richtig. Die Hochschulen brauchen weniger Kontrolle. Sie brauchen mehr Vertrauen durch die Politik und weniger Restriktionen.“
Professor Barke rief alle Beteiligten aus Politik, Ministerien und Hochschulen auf, gemeinsam an der Lösung der aufgezeigten Probleme zu arbeiten. Dabei schloss er ausdrücklich die protestierenden Studierenden ein.

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