Varoufakis und die Spieltheorie
Finanzminister Varoufakis ist ausgewiesener Ökonom, Wirtschaftsmathematiker und Kenner der Spieltheorie. Finanzminister Schäuble ist erfahrener Politiker und Jurist.
Die Spieltheorie ist die Wissenschaft vom strategischen Denken und strategischem Entscheiden. Man könnte auch sagen, strategisches Denken ist die Kunst, einen Gegner zu überlisten. Die Reaktionen des anderen sind dabei stets in die eigenen Entscheidungen miteinzubeziehen. Spätestens mit der Verleihung des Nobelpreises an Reinhard Selten sowie John Nash und John C. Harsanyi ist die Spieltheorie wissenschaftlich geadelt.
Bei politischen Auseinandersetzungen müssen sich beide Parteien entscheiden, ob sie den kooperativen oder den Weg der Unnachgiebigkeit gehen wollen. Die „Unnachgiebigkeit“ kann in der Spieltheorie zu besonderer Verhandlungsmacht führen. Man denke an Martin Luther, der sich standhaft geweigert hat, zu widerrufen, oder Charles de Gaulle, der es verstand, bei mehreren Entscheidungen in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) die französische Position durchzusetzen, oder die anderen Länder der EWG zwang, entweder sein Veto zu akzeptieren oder die EWG platzen zu lassen (vgl. Avinash K. Dixit/Barry J. Nalebuff).
Ist es möglich zu antizipieren, welche Zielvorstellung der griechische Finanzminister und die griechische Regierung tatsächlich haben? Ist es möglich, die Aktionen (Spielzüge) von Varoufakis und Tsipras auf dem Weg zur Zielrealisierung abzuschätzen?
Sofern Gianis Varoufakis das Beste für sein Land will, wird er als Ökonom dieselbe Zielvorstellung haben wie eine Reihe deutscher Professoren, wie z.B. auch Prof. Sinn, der Präsidenten des Ifo-Instituts: Griechenland braucht eine Währung, die es dem Land ermöglicht, wieder wettbewerbsfähig zu werden, die Produktion und die Beschäftigung zu steigern, also eine Währung, die gegenüber dem Euro abwertet, also die Drachme oder irgendeine Währung, die den Euro vielleicht noch im Namen führt, aber nicht mehr der Euro-Zone angehört. Die i n d i r e k t e Abwertung, also die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit durch Senkung der Löhne, Kosten und Preise bei Beibehaltung des gemeinsamen Euros ist gescheitert.
Da die Planung des Euro-Ausstiegs aber den Wahlversprechen widersprechen und zu einer totalen Kapitalflucht aus Griechenland führen würde, folgen daraus weitere Aktionen (Spielzüge): Varoufakis muss durch entsprechendes strategisches sukzessives Handeln und Unnachgiebigkeit den Schwarzen Peter für die d i r e k t e Abwertung der EU oder Deutschland zuschieben können, so dass sie den Griechen unvermeidbar erscheint.
Was ist die optimale Strategie für Schäuble? Schäuble ist der Idee verpflichtet, den Euro-Raum vor der Erosion zu retten. Zugeständnisse werden jedoch auch bei ihm und anderen Euro-Ländern die Grenze dort haben, wo die Akzeptanz der Wähler wegbricht. Er wird also einen Grexit nicht nur nicht ausschließen, sondern letztlich auch wollen, erst recht dann, wenn er weiß, worauf Varoufakis hinsteuert (siehe oben). Auch bei Schäuble wird es darum gehen, den Schwarzen Peter durch strategisches Handeln an die Gegenseite zu schieben.
Wenn beide Seiten wissen, was letztlich die andere Seite will, aber jeder das Gesicht wahren will, hat dies zur Folge, dass sich der Prozess (Austritt Griechenlands) zwar lange hinzieht, es wäre aber für keinen „Spieler“ sinnvoll, von seiner Strategie abzuweichen. In der Sprache der Spieltheorie hätte man ein „Nash-Gleichgewicht“ erreicht.






