„Digitalisierung bietet große Chancen für die Betriebswirtschaftslehre“
Ehemaliger Wissenschaftsminister von NRW tritt für ein schnelles Umdenken der Wirtschaftshochschulen ein, um ökonomische, soziale und ökologische Probleme durch Netzwerke und Unternehmertum schneller und wirksamer lösen zu können.
Eine neue Studentengeneration sowie die sich im fundamentalen Wandel befindlichen Unternehmen treffen vielfach auf eine in den letzten Jahren durch einseitige Anreizverträge und Rankingvorgaben auf sich selbst bezogene Betriebswirtschaftslehre, die in den Elfenbeintürmen der Forschung Zuflucht suchte, statt die notwendige Relevanz ihrer Forschung für Lehre und Transfer wirkungsmächtig in den Blick zu nehmen. Diese These vertritt Andreas Pinkwart in einem Gastbeitrag in der Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.03.2015). Unter der Überschrift „Digitalisierung ist eine Chance für die Business Schools“ beschreibt der ehemalige Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen und heutige Rektor der HHL Leipzig Graduate School of Management neben konkreten Chancen der Digitalisierung auch Voraussetzungen für die Transformation der Business Schools und der Betriebswirtschaftslehre als Disziplin.
Mit Blick auf eine wachsende Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung der Business Schools durch die Wirtschaft und einer geforderten Neuausrichtung der Betriebswirtschaftslehre, wie sie erst jüngst durch die Studie „Business Education Jam“ von IBM und weltweit führenden Akkreditierungsagenturen angemahnt wurde, empfiehlt der Ökonomieprofessor, die digitalen Technologien gezielt zur Weiterentwicklung der BWL in Forschung, Lehre und Transfer zu nutzen.
„Hierzu zählt die Erweiterung der Forschungsmethoden zur Nutzung von Big Data für schnellere und aussagekräftigere empirische Erhebungen und die Simulation komplexer Modelle ebenso wie neue Lehrformen wie das Flipped Learning. Damit können die neuen interaktiven Medien gezielt zur Wissensvermittlung und Kompetenzentwicklung außerhalb der Präsenzveranstaltungen genutzt werden, um innerhalb des Seminars wieder zum eigentlichen forschenden Lernen im Humboldt‘schen Sinne zurückzufinden. Einem forschenden Lernen nicht zuletzt am praktischen Fall wie im Labor“, so Prof. Pinkwart.
Wenn es um den so wichtigen vom wechselseitigen Lernen geprägten Transfer mit der Unternehmenspraxis geht, hebt Prof. Pinkwart das deutsche Beispiel der lehrstuhlbezogene Individualpromotion hervor. Wichtig sei jedoch hier, dass die Promotion „als Zweibahnstraße des forschenden miteinander Lernens angelegt ist und den Doktoranden durch ergänzende strukturierte Programme und interdisziplinäre Forschungsgruppen hinreichende Freiheiten und schnelle Entwicklungsperspektiven eröffnet“, so der Wissenschaftsexperte.
Für die erfolgreiche Veränderung sind laut des HHL-Rektors ausreichend Ressourcen zur Verfügung zu stellen: „Ohne beste Infrastruktur und die notwendige Zeit für qualifizierte Vor- und Nachbereitung und eine neue Gestaltung der Präsenzveranstaltung wird die Transformation nicht gelingen. Hier kann die BWL vor allem von den Ingenieurwissenschaften noch eine ganze Menge lernen.“
Der Ökonom geht mit seinem Gastkommentar auf die aktuelle Diskussion innerhalb seiner Disziplin ein. Er meint: „Die Betriebswirtschaftslehre ist weltweit in einem grundlegenden Wandel. Es sind wieder einmal die amerikanischen Kollegen, die die Debatte anführen. Nicht, in dem sie laut beklagen, was sie über lange Zeit selbst falsch gemacht haben, sondern indem sie die Chancen des Neuen schnell erkennen und zu-gleich zur Korrektur von Fehlentwicklungen nutzen. Dies sollte von der deutschen Betriebswirtschaftslehre selbstbewusst aufgegriffen werden.“









