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"Deutsche Unternehmen müssen Trump ernst nehmen"


Mit Amtsantritt von Präsident Trump wurde der Wahlkampfspruch „America first“ in die Regierungsinitiative „Buy American, Hire American“ überführt. Christopher Stehr, Professor für Internationales Management an der German Graduate School of Management and Law (GGS), hat sich im April als Leiter der GGS-Studienreise vor Ort einen Überblick verschaffen können. Im Interview äußert er sich zu den Folgen der Initiative für die US-Wirtschaft und den Welthandel.

Ihre Eindrücke von der Studienreise in die USA sind noch frisch. Wie ist dort die Stimmung nach dem ersten Amtsjahr von Präsident Trump?

In den USA herrscht eine sehr ambivalente Stimmung. Immer wieder konnte ich spüren, dass Donald Trump als Tabuthema in Gesprächen vermieden wird und die Amerikaner ihren Präsidenten am liebsten als inneramerikanische Angelegenheit sehen würden. Im persönlichen Gespräch entschuldigte sich eine erfolgreiche New Yorker Investment-Bankerin gar als erstes bei mir für ihren Präsidenten. Bei einem Abendessen mit Trump-Anhängern konnte ich den sozialen Druck innerhalb der Gruppe spüren. Die Leute sind unsicher und haben Angst vor Veränderungen.

Droht eine Spaltung der amerikanischen Gesellschaft?

Die Spaltung ist schon da! Vielfach reden die Anhänger von Demokraten und Republikanern schon nicht mehr miteinander. Bei meinem Aufenthalt im linksliberalen Portland winkten viele Einwohner beim Thema Trump einfach ab und erwiderten, es mache keinen Sinn darüber zu diskutieren. Oft fielen Äußerungen wie „Wir machen unser eigenes Ding“ und „Washington ist weit weg“. Viele Gouverneure und Bürgermeister positionieren sich öffentlich gegen Donald Trump.

Die deutsch-amerikanischen Beziehungen durchlaufen gerade eine schwierige Phase. Sie haben auf der Studienreise mit Vertretern deutscher Unternehmen in den USA gesprochen. Wie bewerten diese die Lage und was raten Sie deutschen Unternehmen, die in den USA aktiv sind?

Deutsche Unternehmen müssen Trump ernst nehmen und einen Plan B in der Tasche haben. Ich rate dazu, auf dem amerikanischen Markt zu bleiben. Dies ist wichtiger denn je, um durch die Nähe zum Kunden Zufriedenheit zu generieren. Nur wer vor Ort in den USA produziert, kann außerdem Handelszölle aushebeln und dort Waren zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten. Unternehmen, die sich neu in den USA etablieren möchten, empfehle ich einen Blick nach Detroit zu werfen. Hier kann man – nach dem Niedergang – die Revitalisierung einer ganzen Stadt verfolgen. Es entsteht ein attraktiver Wirtschaftsstandort mit lukrativer Wirtschaftsförderung und vielen innovativen Dienstleistern.

Mit der Kündigung international gültiger Handelsabkommen und hohen Einfuhrzöllen möchte Trump die amerikanische Wirtschaft ankurbeln. Was verspricht sich der US-Präsident von diesen Maßnahmen?

Mit diesen Maßnahmen bedient Trump seine Wählerschaft und setzt seine Vision „America first“ um. Geschickt blendet er in seinen Äußerungen die Gesamtdimension der Leistungsbilanz aus. Denn die Handelsbilanz, auf die er anspielt, ist eine Teilbilanz der Leistungsbilanz. Die hohen Gewinne der Zukunfts- und Tec-Unternehmen wie Google lässt er – ebenso wie die Produktivität der Unternehmen, die ein wesentliches Kriterium der globalen Konkurrenzfähigkeit ist – unter den Tisch fallen. Ich vermute, er möchte sich damit Vorteile verschaffen, um wichtige internationale Handelsabkommen nachzuverhandeln.

Setzt nun weltweit ein Protektionismus-Wettlauf ein und erleben wir damit das Ende der Globalisierung?

Schon jetzt erleben wir einen leichten Rückgang der volkswirtschaftlichen Globalisierung wie der KOF Globalisierungsindex der ETH Zürich zeigt. Zur Globalisierung gehören aber auch soziale und politische Komponenten, die durch Protektionismus auch nicht gerade gestärkt werden. So betrachtet erleben wir gerade eine Stagnation der Globalisierung.

Obwohl die USA sehr innovative Unternehmen und die wohl besten Universitäten der Welt beheimatet, positioniert sich Donald Trump gegen den internationalen Wettbewerb. Schadet er damit nicht der US-Wirtschaft?

Eindeutig ja. Viele ausländische Unternehmen reflektieren ihre Investitionsvorhaben und fragen sich, ob es nicht attraktivere Länder als die USA gibt. Wissenschaftliche Daten wie Investitionsflüsse zeigen dies deutlich. Der Milliardenkonzern Würth hat beispielsweise angekündigt, nicht mehr in den USA zu investieren, solange Präsident Trump regiert. Amerikanische Unternehmen wiederum leiden unter der verschärften Einwanderungspolitik, weil sich Top-Leute für Arbeitgeber in anderen Ländern entscheiden.

Durch den Schutz der heimischen Stahlindustrie und lasche Umweltschutzgesetze scheinen die USA im Bereich der Erneuerbaren Energien den Anschluss zu verlieren. Welche Auswirkungen hat das für die US-Bevölkerung?

Glücklicherweise dürfen US-Counties selbst Umweltgesetze erlassen. Viele Städte wie Seattle, Denver oder Portland machen davon Gebrauch und bilden eine Allianz, die sich gegen die Beschlüsse von Trump wehrt und dem US-Gesetz widerspricht. Dies hat allerdings zur Folge, dass der US-Präsident mit der Kürzung von Geldvergaben versucht, genau diese Counties zu schwächen. So wurden Portland Gelder zur Betreuung von sozial schwachen Kindern von der Regierung gekürzt. Daraufhin haben sich Lehrer und Eltern zusammengesetzt und per Fundraising Gelder gesammelt, um die Stelle zu erhalten. Ein ermutigendes Beispiel wie ich finde. Ernüchternd ist jedoch, dass das Thema Nachhaltigkeit in den USA insgesamt immer mehr in den Hintergrund rückt. Selbst Studierende, die CSR studiert haben sind desillusioniert, weil es kaum Stellen in diesem Bereich gibt.

Die USA sind bekannt für ihren American Way of Life und gelten als Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ist das nur noch Cowboy-Romantik oder hilft dieser Geist dem Land bei den zukünftigen Herausforderungen?

Der Spirit in den USA ist nach wie vor einzigartig und mich fasziniert der Optimismus, den viele Amerikaner ausstrahlen. Sie setzen ihre Ideen in die Praxis um und haben den Mut, Fehler zu machen. Ihr Credo lautet, es dürfen Fehler gemacht werden, wenn man daraus lernt. „Es einfach tun“ erleichtert vielen Startups die Umsetzung ihrer Geschäftsideen und wird auch zukünftig dafür sorgen, dass die USA wettbewerbsfähig bleiben.

Zur Person:
Christopher Stehr ist Professor für Internationales Management an der German Graduate School of Management and Law in Heilbronn. Er ist Experte für Globalisierung, Internationales Management und Corporate Social Responsibility (CSR). Als leidenschaftlicher Verfechter von proaktiver Globalisierung von Unternehmen, Menschen und Regionen beschäftigt er sich in seiner Forschung außerdem mit den interkulturellen Strategien von Organisationen.

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