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Außendienst in der Industrie: Technisches Wissen reicht nicht mehr

bild-rechtsEs gibt eine Annahme, die sich in technischen Vertriebsorganisationen hartnäckig hält. Wer das Produkt kennt, kann es auch verkaufen. Wer erklären kann, wie eine Anlage funktioniert, welche Toleranzen ein Bauteil hat und warum die eigene Lösung technisch überlegen ist, der hat alles, was er braucht.

Diese Annahme stimmt nicht mehr. Sie hat vielleicht nie vollständig gestimmt, aber in einem Markt, in dem technische Produkte vergleichbarer geworden sind, Einkäufer professioneller verhandeln und Entscheidungsprozesse komplexer sind als früher, reicht sie heute weniger denn je.

Das ist keine Kritik an technisch versierten Verkäufern. Es ist eine Beschreibung einer Verschiebung, die viele Unternehmen in Industrie und Maschinenbau noch nicht vollständig in ihrer Personalentwicklung abgebildet haben.

Was sich verändert hat


Vor zwanzig Jahren war der Außendienstler mit dem tiefsten Produktwissen oft derjenige, der den Auftrag bekam. Der Kunde hatte weniger Möglichkeiten, Produkte selbst zu vergleichen, und war auf die Expertise des Verkäufers angewiesen.

Das hat sich grundlegend geändert. Einkäufer kommen heute gut vorbereitet in Gespräche. Sie haben Datenblätter gelesen, Angebote von mehreren Wettbewerbern eingeholt und oft schon eine interne Vorauswahl getroffen, bevor der erste Außendiensttermin stattfindet. Die Frage ist nicht mehr nur, ob das Produkt technisch passt. Die Frage ist, warum ausgerechnet dieses Unternehmen der richtige Partner ist, zu welchem Preis und unter welchen Konditionen.

Wer in diesem Gespräch nur über Technologie spricht, hat die eigentliche Verhandlung noch gar nicht begonnen.

Wo technisch starke Verkäufer an Grenzen stoßen


Das Muster ist in vielen Industrieunternehmen ähnlich. Der Außendienstler kennt sein Produkt in- und auswendig. Er kann Fragen beantworten, die selbst erfahrene Ingenieure auf der Kundenseite herausfordern. Im Gespräch ist er kompetent und glaubwürdig.

Dann kommt der Preiseinwand. Oder die Aussage, der Wettbewerb sei fünf Prozent günstiger. Oder der Einkäufer sagt, er müsse das intern noch abstimmen, und plötzlich zieht sich der Prozess über Wochen hin, ohne dass klar ist, warum.

In diesen Momenten hilft technisches Wissen nicht weiter. Was hilft, ist die Fähigkeit, Nutzen in der Sprache des Kunden zu formulieren. Die Fähigkeit, einen Einwand nicht als Angriff zu verstehen, sondern als Information. Die Fähigkeit, ein Gespräch so zu führen, dass am Ende eine Entscheidung fällt und nicht eine Vertagung.

Oliver Schumacher, der seit 2009 mit seinem “Verkaufstraining für den Außendienst” Vertriebsteams unter anderem in Maschinenbau, Industrie und technischem Großhandel begleitet, beschreibt das so: „Kunden müssen Verkäufer anstrengungsarm verstehen können." Gemeint ist: Wer technische Details so erklärt, dass der Einkäufer oder Geschäftsführer auf der anderen Seite mitdenken muss, verliert die Aufmerksamkeit genau dann, wenn er sie am meisten braucht.

Das Buying Center als unterschätztes Problem


In Industrieunternehmen treffen Kaufentscheidungen selten Einzelpersonen. Es gibt den technischen Leiter, der die Lösung beurteilt. Den Einkäufer, der den Preis verhandelt. Den Geschäftsführer, der genehmigt. Manchmal noch die Produktion, die Anforderungen hat, die im ersten Gespräch gar nicht thematisiert wurden.

Viele Außendienstler konzentrieren sich auf den technischen Ansprechpartner, weil er derjenige ist, mit dem sie am besten reden können. Das ist verständlich, aber strategisch riskant. Wenn der Einkäufer oder Geschäftsführer nie wirklich vom Mehrwert überzeugt wurde, weil der Außendienstler dort nie wirklich angesetzt hat, kann die technische Überzeugung allein den Auftrag nicht sichern.

Das bedeutet nicht, dass jeder Außendienstler zum Strategen werden muss. Es bedeutet, dass er verstehen sollte, wer in einem Unternehmen welche Rolle bei der Entscheidung spielt und wie er jeden dieser Ansprechpartner in seiner eigenen Sprache überzeugt. Den Techniker anders als den Einkäufer. Den Einkäufer anders als den Geschäftsführer.

Warum Einarbeitung allein nicht reicht


Neue Außendienstler in Industrieunternehmen verbringen einen Großteil ihrer Einarbeitungszeit damit, Produkte zu lernen. Das ist richtig und notwendig. Aber der Anteil der Einarbeitung, der auf Gesprächsführung, Einwandbehandlung und Verhandlungsführung entfällt, ist in den meisten Unternehmen verschwindend gering.

Das Ergebnis sind Verkäufer, die nach sechs Monaten exzellent erklären können, was sie verkaufen, aber noch nicht sicher sind, wie sie es verkaufen. Sie lernen das im Feld, durch Erfahrung, was bedeutet, dass sie in dieser Lernphase Aufträge verlieren, die bei besserer Vorbereitung zu gewinnen gewesen wären.

Schumacher, der selbst aus der Markenartikelindustrie kommt und dort B2B-Erfahrung mit anspruchsvollen Einkäufern gesammelt hat, formuliert es direkt: „Verkäufer sollten zuhören, um zu verstehen, nicht um zu antworten." Das klingt simpel. In der Praxis eines technischen Verkäufers, der gut ausgebildet ist und viel zu sagen hat, ist es eine echte Herausforderung.

Was Unternehmen konkret tun können


Der erste Ansatzpunkt ist die Einarbeitung. Produktwissen und Verkaufskompetenz sollten von Anfang an parallel entwickelt werden, nicht nacheinander. Wer nach drei Monaten Produktschulung mit einem halben Tag Kommunikationstraining in den Außendienst geschickt wird, ist nicht gut aufgestellt.

Der zweite Ansatzpunkt ist die laufende Entwicklung bestehender Verkäufer. Vertriebscoaching im Feld, also die Begleitung bei echten Kundenterminen mit anschließendem Feedback, ist eine der wirksamsten Methoden, weil sie an realen Situationen ansetzt statt an Beispielen aus dem Seminarraum. Was hat der Verkäufer in diesem Gespräch gut gemacht? Wo hat er eine Chance nicht genutzt? Wo hat er zu früh über Preis gesprochen?

Der dritte Ansatzpunkt ist eine ehrliche Analyse der eigenen Abschlussquoten. Wie viele Angebote werden zu Aufträgen? Wo im Prozess gehen Aufträge verloren? Ist es die technische Eignung, die nicht überzeugt, oder ist es das Gespräch darum herum?

Diese Fragen sind unbequem, weil sie oft zeigen, dass das Problem nicht beim Produkt liegt. Aber sie sind der erste Schritt zu einer Entwicklung, die wirklich etwas verändert.

Was starke Außendienstler von guten unterscheidet


Es ist nicht das Produktwissen. Das haben beide. Es ist auch nicht die Eloquenz oder die Fähigkeit, einen Raum zu beherrschen. Gute Außendienstler sind oft ruhiger als man erwarten würde.

Was sie unterscheidet, ist die Fähigkeit, ein Gespräch so zu führen, dass der Kunde am Ende das Gefühl hat, selbst zur richtigen Entscheidung gekommen zu sein. Nicht überredet worden zu sein, sondern überzeugt. Das ist ein Unterschied, der sich in der Weiterempfehlungsrate zeigt, in der Kundenbindung und letztlich im Umsatz.

Oliver Schumacher bringt es auf eine Formel, die im Industrievertrieb mehr Gewicht hat, als sie auf den ersten Blick vermuten lässt: „Kunden brauchen keine Reinverkäufer, die das Lager voll machen, sondern Rausverkäufer. Also Erfolgscoaches, die ihren Kunden helfen, mit ihren Produkten Geld zu verdienen." Im technischen B2B-Vertrieb ist das keine Metapher. Es ist eine Beschreibung dessen, was langfristig funktionierende Kundenbeziehungen ausmacht.
Oliver Schumacher ist Verkaufstrainer mit Schwerpunkt auf B2B-Vertrieb, Außendienst und Preisverhandlungen. Er arbeitet seit 2009 mit mittelständischen Unternehmen aus Industrie, Großhandel und technischem Vertrieb. Weitere Informationen unter oliver-schumacher.de.
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